Die RLS veröffentlicht monatlich Artikel des palästinensischen Schriftstellers und Theaterregisseurs Ali Abu Yassin aus Gaza im Rahmen einer monatlichen Serie auf Arabisch und Deutsch. In diesen Beiträgen dokumentiert er seine Erfahrungen mit Israels Krieg im Gazastreifen.
Der Titel des Artikels in diesem Monat lautet: “In Gaza gibt es ein Theater”.
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Es gibt viele Dinge, die mich mein Leben lang begleitet haben und die ich instinktiv verrichte, Dinge, die dem Menschen angeboren sind wie atmen, essen und trinken. Und offenbar ist das Theater aufgrund meiner langjährigen Theaterarbeit genauso selbstverständlich für mich geworden, denn ich habe während des ganzen Krieges weitergeschrieben. Auch für das Theater. Zwei Stücke habe ich in dieser Zeit verfasst: Einen monodramatischen Text über meine persönliche Erfahrung im Krieg und einen Gemeinschaftstext mit dem Titel »Barbisch«, der sich auf satirische Weise mit der politischen und wirtschaftlichen Lage auseinandersetzt.
Nach der Rückkehr von meiner zweiten Vertreibung habe ich oft darüber nachgedacht, ein Theaterstück zu inszenieren, das ich in Paris geschrieben hatte und das den Titel »Der Sohn des Meeres« trägt, habe mir den Gedanken aber immer wieder aus dem Kopf geschlagen, weil der Krieg nicht aufhörte und die Kinder noch immer vor den Wassertankwagen und vor der Essensausgabe anstehen und weil die zerfetzten Zelte noch immer auf den Winter warten, um in den Himmel fortzufliegen. Alles in meiner Umgebung und auch die Logik sagten mir: In diesen Zeiten kann man kein Theaterstück aufführen, denn Theater braucht Beständigkeit. In Gaza aber ist nichts, wie es einmal war. Es kann aber vorkommen, dass das, was man für logisch hielt, sich als unlogisch herausstellt; dann wird das Unlogische zum Logischen an und für sich. Wenn alles unlogisch ist, wird das Unlogische offenbar zur Logik.
Genau so erging es mir, als ich vor ein paar Tagen das von der wunderbaren Rosa-Luxemburg-Stiftung finanzierte Theaterstück »Fünfzig Minuten in Gaza« aufgeführt habe, nachdem ich der Stiftung vorschlagen hatte, einen Workshop für Jugendlich aus Gaza über das Schreiben von Theaterstücken durchzuführen, dessen Ergebnis eine zwanzig-minütige Aufführung sein sollte.
Als ich den Text zu schreiben begann, war ich jedoch so von der Idee und der angenehmen Theateratmosphäre angetan, dass ich daraus ein längeres Stück machte. Plötzlich fand ich mich in einer großen Produktion versunken, bei der ich von den besten Komponisten, Choreografen und Kostümbildnern begleitet wurde. Wenn ich etwas mache, mache ich es so gut wie möglich, das ist meine Art.
Nach vier Monaten Proben konnten wir den Termin für die Premiere bekanntgeben, und hier beginnt nun die Geschichte oder besser gesagt, hier beginnen die Geschichten. Denn das Theaterstück hat seine eigene Geschichte, genauso die Schauspieler, das Publikum und die Aufführung, alle haben ihre eigene Geschichte, und wenn ich jede Geschichte von den anderen isolieren wollte, müsste ich mehr als einen Artikel schreiben.
Ich werde euch also von den Menschen erzählen, die die Inszenierung gesehen haben, denn sie haben mich nicht nur sehr glücklich gemacht, sondern auch zum Weinen gebracht. Aber nicht nur das! Nach dieser Erfahrung betrachte ich die Bedeutung des Theaters, seinen Zauber, seine Grandiosität und seine Wirkung mit anderen Augen. Und diese Erfahrung hat mich gelehrt, dass Kultur eine kulminierende Wirkung hat, wenn sie reift, wenn sie nicht zurückweicht und sich nicht vor den Stürmen beugt, sondern wenn sie stark ist durch die Kraft des Wortes, des Glaubens, der Schönheit und des Menschen.
Und nun zu den Details …
Ich war im Qattan-Kulturzentrum bei der Generalprobe, die Türen des Theaters, die in das Zentrum hineinführen, standen sperrangelweit offen, und plötzlich, als ich gerade dabei war, meine Anmerkungen zu notieren, vernahm ich ein Murmeln. Verärgert sprang ich auf, um wieder Ruhe herzustellen, und stand auf einmal vor zehn Kindern zwischen zehn und fünfzehn Jahren, die in den Zelten direkt neben dem Zentrum hausten. Als ich ihre Gesichter sah, brachte ich kein Wort heraus, denn ihre Blicke, die mich anflehten, sie nicht fortzuschicken, dieses Leuchten in den Augen, diese Kindergesichter, die ich seit drei Jahren nicht mehr gesehen hatte, ihre unschuldigen träumerischen Mienen und die Emotionen, die sie ausdrückten … all dies ließ mich wie versteinert dastehen und sie mit einem Gefühl von Glück und Trauer betrachten. Glück, weil ich davon überzeugt war, dass mein Theaterstück erfolgreich sein und die Menschen berühren würde und weil es für diese Kinder die Zeit hatte stillstehen lassen; und Trauer, weil ich zum tausendsten Mal das Ausmaß der Tragödie und die Auswirkungen des Krieges und die psychischen Verletzungen sah, die sich in die Seelen unserer Kinder eingeprägt hatten. Dieser Augenblick und diese Blicke werden in meinem Herzen eingebrannt bleiben, solange ich lebe.
Als ich das Theater an jenem Tag nach dem Probenende verließ, sah ich sie an der Tür auf mich warten. Sie sagten zu mir: »Onkel, lad uns zur Theatervorführung ein! Für wen machst du das? Wir sehen zum ersten Mal ein Theater.« Einer von ihnen sagte: »Wir haben keinen Fernseher.« Und ein anderer: »War das, was wir da gesehen haben, echt oder haben die nur geschauspielert?« Da begriff ich, dass die Kinder von Gaza, die den Krieg erlebt, die im Krieg der letzten Jahre groß geworden waren, noch nie ein Theaterstück gesehen hatten. Aber nicht nur das: Wer von ihnen schon einmal in einem Theater gewesen war, hatte es vergessen, sein Gedächtnis hatte absolut keine Szenen daraus gespeichert. Hinzu kommt, dass es wegen des Strommangels und aus vielen anderen Gründen weder Kino noch Fernsehen gibt.
Als ich mich daran machte, die Einladungen zu verschicken – wie üblich über WhatsApp oder den Messenger – und die Namenslisten durchging, bekam ich einen Schock, denn etwa die Hälfte meiner Freunde war gestorben oder hatte Gaza verlassen. Während des Versendens überlegte ich, wie sie eigentlich inmitten dieses mörderischen Krieges und angesichts der schwierigen Transportsituation hierherkommen sollten. Zumal es keine direkte Verkehrsanbindung zum Qattan-Zentrum gibt, so dass man ein paar hundert Meter zu Fuß gehen muss. Deshalb wollte ich die Einladung einfach als reine Mitteilung darüber verschicken, dass ich ein neues Stück aufführen würde. Doch schon wenige Minuten nach dem Versand der Einladungen bekam ich Anfragen von Freunden und Bekannten, die – nachdem sie mich zu der neuen Aufführung beglückwünscht hatten – wissen wollten, ob sie einen Freund, ihre Ehefrau oder einen Sohn mitbringen könnten, denn ich hatte geschrieben, dass nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen zur Verfügung stehe. Ich wurde mit Antworten überhäuft, in denen es hieß, dass sie das Stück unbedingt sehen wollten, und das überraschte mich sehr. Bis dato war ich mir nicht darüber im Klaren gewesen, was ich getan hatte, aber wie ich euch bereits zu Beginn des Artikels berichtet habe, ist das Theater für mich wie Wasser und Luft; eigentlich läuft immer eine Vorführung von mir, und deshalb musste ich endlich wieder Theaterluft atmen.
Die Gäste trudelten ein und nahmen überglücklich in dem gedämpften Licht im Theater Platz. Viele kannten sich und begrüßten einander. Ich wage zu behaupten, dass es das erste Mal war, dass an diesem Ort so viele Theaterbegeisterte auf so menschliche und kultivierte Weise zusammenkamen, um ein Stück zu sehen, das von ihrem Leben und ihren Gefühlen handelte und das von Jungen und Mädchen aufgeführt wurde. Die Gäste waren außer sich vor Freude, wofür ich bis jetzt keine Erklärung habe. Dann begann die Vorführung.
Das Stück behandelte auf tragisch-komische Weise das Leben der Jugend, ihre Träume und die Auswirkungen des Krieges und seiner Folgen auf ihr ganzes Leben und ihre Hoffnungen.
Ich hatte das Gefühl, dass es eine sehr gute Vorstellung war. Am Ende erhoben sich alle und klatschten begeistert. Manche riefen: »Toll, Ali, ihr bringt das Leben nach Gaza zurück. Heute habt ihr von einem neuen Gaza erzählt, das sich nicht brechen lässt.«
In den Artikeln, die ich während des Krieges verfasst habe, habe ich oft geschrieben, dass Gaza wie Phönix aus der Asche wieder auferstehen werde. Heute wiederhole ich den Satz in anderer Form: »Das Theater von Gaza lässt Phönix wieder aufleben, denn das Theater ist Leben und Kraft und Schönheit und Kultur und Tanz und Tränen und Lächeln und Standhaftigkeit. Das ist der Grund, warum das Theater seit Tausenden von Jahren existiert. Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet bei dieser Vorstellung das Gefühl hatte, dass Aischylos, Shakespeare, Brecht, Jean Genet und Jean Paul Sartre, dass Alfred Farag, Saadallah Wannous und Mohammed Diab, dass Tchechov und alle Theatergrößen im Publikum saßen und meine Freude mit mir darüber teilten, dass das Theater über den Tod gesiegt hatte und dass die magische Kraft des Theaters diese Schauspieler, die wie Ritter auf der Theaterbühne standen, hatte heilen können. Sie wüteten, sie freuten sich, sie trauerten und schämten sich, sie fürchteten sich und tanzten in absoluter Freiheit. Denn niemand kann auf einer Bühne stehen und seine Rolle so begnadet spielen, wenn er nicht seelisch geheilt ist. Theater bedeutet Freiheit, der Schauspieler muss frei sein, um auszudrücken, woran er glaubt.
Heutzutage in Gaza ein Theaterstück aufzuführen, ist wie eine informelle Ankündigung, dass dieses Volk im Angesicht der Besatzung standhalten wird und sich nicht brechen lässt, dass es am Leben ist und dass es das Leben und den Frieden und das Theater liebt.
Nach der Vorstellung kamen viele Zuschauer zu mir – es waren Ärzte, führende Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft, Künstler, Schriftsteller und ganz normale Leute – und umarmten mich, weinten an meiner Schulter und flüsterten mir freundliche Worte über das Stück und die Mitwirkenden ins Ohr. Ihre Tränen und ihre Worte bewegten mich sehr, und ich war überglücklich darüber, dass das Schicksal mir beschieden hatte, ein Theaterkünstler zu sein. Seit meiner Kindheit habe ich an das Theater geglaubt und es geliebt, aber mir war nicht klar gewesen, dass das Theater über all diese Macht und diese Magie verfügt.
Also: Herzlich willkommen in Gaza, herzlich willkommen im Leben und herzlich willkommen im Theater!


