Die RLS veröffentlicht monatlich Artikel des palästinensischen Schriftstellers und Theaterregisseurs Ali Abu Yassin aus Gaza im Rahmen einer monatlichen Serie auf Arabisch und Deutsch. In diesen Beiträgen dokumentiert er seine Erfahrungen mit Israels Krieg im Gazastreifen.
Der Titel des Artikels in diesem Monat lautet: “Von den Folgen des Krieges”.
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Ein arabisches Sprichwort sagt: »Ein Leben in Kummer vergisst man nicht«. Es heißt aber auch: »Zeit heilt alle Wunden.« Das Wort Insān (Mensch) leite sich von nisyān (Vergessen) ab[1], was bedeute, dass es in der Natur des Menschen liege, vergessen zu können. Die Widersprüche zwischen diesen grundverschiedenen Lebensweisheiten spiegeln den dauernden Konflikt zwischen der Logik und der Unlogik wider. Alle Weisen raten dir, die Ereignisse der Vergangenheit zu vergessen, ganz besonders die schmerzhaften, damit deine Seele wieder zur Ruhe komme. Nachdem ich aber nun die sechzig überschritten habe, muss ich ganz deutlich sagen: Es gibt Erinnerungen, die man nicht vergessen kann, Erinnerungen, die sich tief in die Seele, den Geist, den Verstand und den Körper eingegraben haben und dich nachts aufsuchen wie ein ungebetener Alb. Ich habe die Last der Erfahrung eines harten Lebens über Jahre hinweg mit mir herumgetragen, aber offenbar stecken die letzten sechzig Jahre in einem Koffer und die drei Jahre Krieg in einem anderen.
Vor einigen Tagen habe ich zum Frühstück einen Teller Bohnen gegessen, die mit Olivenöl bedeckt waren. Außerdem hatte ich auf dem Teller zwei Löffel Hummus und ein paar grüne Peperoni, daneben ein bisschen eingelegtes Gemüse und einen einzigen Fladen Brot. Ich weiß nicht warum, aber ich genieße diese Art von Essen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, aus einem Albtraum erwacht zu sein und musste an die Tage der schrecklichen Hungersnot denken, als ein derartiges Frühstück – oder besser ein Teil davon -, hätte man es überhaupt ergattern können, hundert Dollar gekostet hätte. Jetzt aber bezahlte man nicht mehr als fünf Dollar dafür. Ich musste daran denken, wie wir einen kleinen Fladen Brot unter vier Personen aufgeteilt hatten und wie uns ein Teller Bohnen mit Hummus und Öl vorkam, als käme er geradewegs aus dem Paradies. Da entscheidet plötzlich jemand, die Grenzen zu schließen, und lässt zweieinhalb Millionen Menschen vor Hunger auf den Bäuchen kriechen, wo Hunger doch der stärkste Trieb des Menschen ist. In diesem Zusammenhang kommt mir ein kurioses Paradox in den Sinn: Die israelische Regierung fordert die Entwaffnung der Hamas. Aber ich frage mich, was diese Waffen nützen, wenn die Besatzungsmacht uns doch in einem einzigen Augenblick alle hungers sterben lassen kann? Unser Boden, unser Himmel, unser Meer, unsere Luft, unsere Grenzen und sogar unser Atem sind knapp, denn alles wird von ihnen kontrolliert.
Der Krieg wohnt noch immer in uns, sei es in unserem Gedächtnis oder vor Ort. Vor ein paar Tagen wurden einhundertzwölf von dreihundert Toten aus den Trümmern eines einzigen Gebäudes gezogen, in dem die beiden Familien Al-Hassaayina und Abu Scharia gewohnt hatten. Es war ein Ehrfurcht einflößender Anblick eines Beerdigungszugs von mehr als einhundert Totenbahren, darauf Kinder, Alte, Frauen und Männer. Trotz der offiziellen Ankündigung eines Waffenstillstands schien uns diese Szene den Krieg zurückzubringen, in seiner hässlichsten Form, mit einem Schmerz, der nicht mehr zu ertragen ist. Es war nicht einfach nur ein Beerdigungszug, der Richtung Friedhof durch diese Straßen zog, sondern es war ein riesiges Gemälde, das von den Flaggen Palästinas bedeckt war, gleichsam als bezeugte es das Ausmaß unserer Opfer, deren Preis wir bis heute bezahlen, Tag und Nacht, um unsere Unabhängigkeit zu erlangen. Und jeder, der über diese Straße lief, und jeder, der diesen Anblick sah, wird ihn sein Leben lang nicht vergessen; dieser Anblick wird ihn bis in alle Ewigkeit nicht loslassen.
Es sind viele Szenen und Momente, die mir nachts in den Sinn kommen und mich in Panik aufschrecken lassen. Freiheit hat einen anderen Geschmack, und vielleicht leben oder empfinden ihn Menschen unter Besatzung mehr als andere, weil sie entweder die ganze Zeit auf der Suche nach ihr sind oder sie sich manchmal vorgaukeln.
Vor zwei Tagen fuhr ich mit meiner Familie ans Meer. Wir setzten uns auf die Stühle, vor uns ein Tisch und ein Sonnenschirm, der uns vor der sengenden Sonne schützen sollte. Wir, meine sechs Söhne mit ihren Frauen und Kindern und ich, waren glücklich. Wir hatten auch etwas zum Essen und Spielen mitgebracht, denn wir hatten den Ausflug seit Wochen vorbereitet, damit es ein echter Ausflug würde, wie es sich gehörte. Nachdem mein Sohn Fadi ein kurzes Stück auf der Ud zum Besten gegeben hatte, sagte ein anderer Sohn nach einer kurzen Pause seufzend: »Als wir als Flüchtlinge im Süden gelebt haben, in Deir Al-Balah, war es unser großer Traum gewesen, nach Hause in Gaza zurückzukehren und so am Meer zu sitzen.« Und ein anderer sagte: »Wer sein Haus verlässt, verliert an Ansehen«. Wir erinnerten uns an den netten Mann, der uns aufgenommen hatte und daran, wie oft wir dort dem Tod entkommen waren. Mein Sohn Thair sprach über die Bombardierung und wie er plötzlich unter den Trümmern gelegen hatte und wie ihm und seiner Familie ein neues Leben geschenkt worden war. Wir erinnerten uns an Aischa, die neben uns gestorben war, und wie wir die Verletzten gerettet und ins Krankenhaus gebracht hatten.
Niedergeschlagenheit legte sich auf die Gesichter, wir begannen den Krieg und seine Hässlichkeit zu verfluchen. Auf einmal verschwand das Meer, verschwanden die Kinder und ihr Lachen, die Farbe der Stille kehrte zurück und umgab uns von allen Seiten – obwohl der Strand an jenem Tag berstend voll von Ausflüglern war, die alle versuchten, ihre Erinnerungen im Meer zu ertränken. Doch sobald sie den Strand erreichten, kehrten diese Erinnerungen mit der ersten emotionalen Welle wieder zurück, wie ein Korken, der sich aus Angst vor dem Untergang an den Strand flüchtet.
Ich habe im Jahr 1994 mein Diplom in Psychologie gemacht, und die Ärzte, die uns unterrichtet hatten, hatten uns gelehrt, dass die Menschen nur ein bestimmtes Ausmaß an Traumata ertragen könnten. Sie brachten Beispiele von Menschen, die zwar seelische Schocks erlitten hatten, doch diese waren angesichts unserer Traumata kaum erwähnenswert. Ich hörte den Ärzten zu, und die Menschen, die so Schlimmes erlebt hatten, taten mir leid. Wie das kleine fünfjährige Mädchen, das mit ihrer Familie ans Meer gegangen war, wo ihre Schwester fast ertrunken wäre. Seit jenem Augenblick hatte das kleine Mädchen Angst vor Wasser, sie mied alles, was mit Wasser zu tun hatte, und sogar das Trinken von Wasser fiel ihr schwer. Sie fürchtete sich, sich dem Wasserhahn zu nähern, und hatte Angst, eine Wasserflasche auch nur in die Hand zu nehmen. Alles, was mit Wasser zu tun hatte, versetzte sie in Panik.
Sind unsere Kinder aus einem anderen Holz geschnitzt als die anderen Kinder der Welt?, frage ich mich. Unsere Kinder, die ihre Glieder eingebüßt haben, die unter den Trümmern herausgezogen und dem Maul des Todes entrissen wurden, die ihre Familien verloren haben, deren Häuser, Schulen, Spielplätze, Straßen und Träume zerstört wurden, denen man alles genommen hat?
Ich frage mich: Wie wird ihre Psyche beschaffen sein – sofern ihnen überhaupt eine Psyche geblieben ist? Wie wird ihre Therapie aussehen? Brauchen wir vielleicht neue Studien, die sich gänzlich von allem unterscheiden, was in den Psychologie-Büchern steht, von allem, was über die menschliche Psyche bisher geschrieben wurde?
Während des Krieges haben wir erfahren, dass Rüstungsfirmen ungeheure Summen dafür ausgeben, die Zerstörungskraft ihrer Waffen und ihre Auswirkung auf Mensch und Stein auszuprobieren. Gaza war ein Beispiel für diese Experimente, das nicht wiederholt werden wird, denn wir sind sicher, dass in Gaza alle nur erdenklichen bekannten und unbekannten Waffen bereits getestet wurden. Was aber die Psyche und die Emotionen der Menschen betrifft, die in den Augen der Besatzungsmacht keinen Wert mehr haben … dafür wird niemand bezahlen und niemand wird sich für diese andersgearteten Traumata unserer Kinder interessieren, genauso wenig für ihre Blicke, die nicht den Blicken der anderen Kinder gleichen, oder für die Sprache ihrer Körper, für den Rhythmus und das Echo ihrer Stimmen oder ihre Wut und ihre Stille.
Sollte sich die Lage in Gaza beruhigen, sollte Frieden einkehren, sich die Luft über unseren Köpfen wieder erneuert haben und sollten sich die Wogen des Meeres wieder glätten, dann werden Experten der unterschiedlichsten Fachbereiche aus der ganzen Welt, der Psychologie, der Soziologie, der Medizin, der Ökonomie, der Geologie und der Physik und sogar der Meeresforschung neue Studien durchführen.
Wir leben heute noch immer im Krieg, und ich glaube, dass Gaza noch Jahrzehnte ein Forschungsgegenstand bleiben wird, denn die Spuren des Kriegs und seine Auswirkungen sind nicht verschwunden, sondern sie werden im Laufe der Zeit an die Oberfläche kommen.
[1] Klammern Hinzufügung der Übersetzerin. (A.d.Ü.)


