Gaza im Schatten des Irankriegs Die Frage bleibt: Warum schweigt die Welt jetzt über Gaza? Von Ali Abu Yassin

 

In diesem Monat veröffentlichen wir den dritten Artikel des palästinensischen Schriftstellers und Theaterregisseurs Ali Abu Yassin aus Gaza im Rahmen einer monatlichen Artikelserie, die auf Arabisch und Deutsch erscheint und in der er seine Erfahrungen mit dem israelischen Vernichtungskrieg gegen den Gazastreifen dokumentiert. Der Titel des Artikels in diesem Monat lautet: Gaza … Iran


Seit Beginn des Krieges gegen Iran ist Gaza aus den arabischen und internationalen Nachrichten und Medien verschwunden. Um Gaza ist es so ruhig geworden, als hätte jemand das Licht gelöscht, das eine große Tragödie beleuchtet hatte. Es gibt keine Solidaritätsdemonstrationen mehr, und sogar die Solidaritätsschiffe haben in ihren Häfen die Motoren gestoppt, die Durchbrechung der Blockade auf später verschoben.

Wir verfolgen die Meetings der Präsidenten nicht mehr, nicht einmal mehr die der Delegationen, die so häufig zwischen den Hauptstädten pendelten, als hinge die Rettung Gazas davon ab. Für diese Zusammenkünfte hatten die Bewohner Gazas ohnehin nur Spott übrig, weil sie doch wissen, dass all das lediglich dem Ziel dient, den Leuten Sand in die Augen zu streuen, und niemals Erfolg hätte. Seit der Zeit unserer Großväter ist es das gleiche Leid, als würde die Geschichte sich mit systematischer Bosheit selbst wiederholen, als gäbe es im kollektiven Gedächtnis der Welt keinen Platz für mehr als nur ein Opfer gleichzeitig.

Während des Krieges standen hunderte Analysten auf den arabischen und internationalen Bildschirmen bereit, die Ereignisse zu verfolgen und jedes Detail zu ergründen, viele von ihnen oft genug ohne jegliches Hintergrundwissen. Doch während die Nachrichten über Gaza von der ganzen Welt verfolgt wurden, galt dies keineswegs für Gazas Bevölkerung, denn uns hatte man vom Strom abgeschnitten und auch keinen Brennstoff mehr gelassen, um die Fernsehapparate in Gang setzen zu können. Zudem gab es die ganze Zeit über Probleme mit der Telekommunikation und dem Internet. Aber selbst wenn wir alles gehabt und die Nachrichten hätten sehen können, so hatten die Leute von Gaza die Lügen, die Heuchelei, die unterschiedlichen Agenden und Interessen doch längst leid, mit denen uns die Satellitensender überfluteten und die jede verbliebene Wahrheit überdeckten.

Manchmal aber bekommen wir aus den Nachrichten mit, dass Gaza von einer Technokratenkommission geführt werden soll, die wiederum von Nikolai Mladenow (einem bulgarischen Politiker, der für die Vereinten Nationen diplomatisch im Nahen Osten tätig war, Anm. d. Übs.) angeführt wird, der wiederum von Trump gesteuert wird, und viele glauben, dass Trump wiederum von Netanjahu gelenkt wird. Und das bringt uns zu der verwirrenden Frage: Wer steuert eigentlich wen? Steuert Israel Amerika oder Amerika Israel? Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Und inmitten dieses ganzen Verwirrspiels von sich überschneidenden Entscheidungen und widersprüchlichen Interessen bleibt der Mensch in Gaza auf der Strecke, er wird weder gefragt noch beteiligt, obwohl es doch um seinen Boden und seine Wunden geht.

Ist am Ende der US-amerikanische Präsident Donald Trump, Vorsitzender des „Friedensrats“, verantwortlich für die Akte Gaza oder ist es jetzt die Besatzungsmacht? Oder kontrolliert vielleicht die Hamas das, was noch von Gaza übriggeblieben ist? Die wichtigere Frage aber lautet: Wo ist dieses Gaza? Wo sind die Landschaften, die Gebäude, die Menschen? Wo sind das Meer, die Luft? Wo sind die Träume, die Hoffnung, die Zukunft? Es scheint, als sei Gaza in seinem eigenen Meer versunken und als bräuchte es Jahre, bis es aus dieser Versenkung wieder herausgezogen wird. Wir in Gaza irren umher wie ein Schiff auf hoher See, das bei kräftigem Wellengang und stürmischem Wind vergebens versucht, einen Ankerplatz zu finden.

Die Kinder zittern noch immer vor Kälte in ihren Zelten, viele sind erfroren, doch die Menschen und die Welt verfolgen die Nachrichten über Iran. Die Hungersnot breitet sich wie die dunkle Nacht in aller Stille wieder aus, und die Leute erwarten sie schweigend. Sogar an den Schmerz und die Verzweiflung scheint sich der Mensch zu gewöhnen, und worüber er in der Vergangenheit laut geschrien hat, spürt er jetzt nicht mehr, seine Gefühle sind abgestumpft. Wir in Gaza haben wirklich keine Zeit, uns mit den Nachrichten über den Krieg in Iran zu beschäftigen, wir haben unsere eigenen enormen Sorgen und unsere Bedürfnisse, die wir jeden Tag zu befriedigen versuchen, angefangen vom Trinkwasser und dem salzigen Waschwasser und nicht endend mit dem Stückchen Brot, das zu beschaffen für die meisten Einwohner Gazas eine morgendliche und abendliche Bürde darstellt.

Warum hat die Welt uns allein gelassen? Wir suchen nach einem Fläschchen Medizin für ein Kind, das die ganze Nacht hustet, oder einem Temperatursenker für ein anderes, das an hohem Fieber zu sterben droht. Keine Schulen, keine Krankenhäuser, kein Problem, das in Gaza gelöst wird. Häufig werden die Wahrheiten verfälscht, und die Interessen von Profiteuren steigen an die Oberfläche, von Kriegsgewinnlern, die seit ewigen Zeiten stets bereit sind, mit allem Handel zu treiben und ihren Reichtum auf den Trümmern der Leichen und dem Stöhnen der Mütter aufbauen.

Hallo Welt, hallo Brüder und Kameraden, wir sind hier! Die Kälte kriecht uns noch immer in die Knochen, wir träumen noch immer von Sicherheit und Frieden und davon, dass das Geräusch der Zannanāt verstummt (in Gaza eine Bezeichnung für Drohnen wegen des summenden Geräuschs, abgeleitet von dem arabischen Verb zanna, summen – Anm. d. Übs.). Wir haben noch immer die Hoffnung, dass der Grenzübergang in Rafah normal geöffnet wird und wir nach Ägypten reisen können. Nicht nur als Patienten, aufgenommen in die Listen des Roten Kreuzes und transportiert in Krankenwagen, die am Übergang von der ganzen Welt durchsucht werden, von Israelis bis zu Europäern, sogar von Ägyptern, Palästinensern und Philippinern, als wären wir der Inbegriff von Pest und Cholera. Wir sind ganz normale Menschen und träumen davon, als Touristen nach Ägypten zu reisen, als Menschen, um uns ein bisschen zu erholen, um ein wenig von unserer Menschlichkeit zurückzuerhalten, die wir unter den Trümmern der Gebäude, unter den Zeltbahnen und Eselskarren und durch den massenhaften Genuss von Linsengerichten, die unser Blut gelb färbten, eingebüßt haben.

Ja, es ist unser Recht, mit einer kleinen Tasche aufzubrechen, den Grenzübergang zu betreten, und wenn nach einer halben oder höchstens einer Stunde alle Formalitäten erledigt sind, von Gaza aus in alle Länder der Welt zu reisen, ein wenig auszuspannen, uns mit positiver und seelischer Energie aufzuladen und dann in die nicht endende Not und das Leid zurückzukehren. Wir hassen den Krieg, den Tod und die Zerstörung, wir hassen mittlerweile sogar die Farbe Rot, wegen all des Blutes, das wir gesehen und mit dem wir in Berührung gekommen sind.

Oft denke ich an unsere Kinder und an die Zukunft, die sie erwartet. Dann hört mein Verstand auf zu arbeiten, denn ich sehe ganz ehrlich keine Hoffnung für sie, weil alles auf Gewalt und Leid hindeutet. Gewalt gebiert Gewalt und Leid gebiert Leid. Zu den Dingen, die unsere Resilienz in Gaza übrigens am meisten gestärkt haben, gehören die zahlreichen Solidaritätsdemonstrationen auf der ganzen Welt und besonders in den meisten Staaten Europas. Die ganze Zeit über spürten wir, dass wir nicht allein waren.

Aber seit Beginn des Kriegs gegen Iran haben wir in Gaza das Gefühl, zwischen Himmel und Erde zu hängen. Wir wissen nicht, ob wir in einen bodenlosen Abgrund stürzen oder in den Himmel der Ungewissheit aufsteigen. Gaza hat die Sprache zum Einsturz gebracht und das Sprechen unmöglich gemacht, so dass wir nun nach neuen Wörtern, Begriffen und Fantasien suchen, die zu unserer gegenwärtigen Realität passen.

Die Nächte folgen in ihrer fortwährenden Dunkelheit aufeinander, und tagsüber leben wir immer wieder den gleichen Tag, wie ein Kinofilm, der täglich mit den gleichen Szenen gezeigt wird, mit den nahezu gleichen Gedanken, den gleichen Gesichtern, dem gleichen Zelt, den gleichen Straßen, der gleichen Angst und den gleichen Nachrichten. Ehrlich gesagt habe ich mich immer nur wenig für Nachrichten interessiert, weil ich wusste, dass wir nur je nach Laune und Politik des Staates informiert werden, der sie sendet, und je nach Laune des Führers oder Präsidenten, der jenes Land regiert. Meist sind die Nachrichten eine Ansammlung von Lügen, durchmischt mit ein paar Wahrheiten, und meist passt das Sprichwort: „Wahre Worte mit falscher Absicht.“ Und die Veränderung eines Wortes oder sogar eines Buchstabens oder eines Blickwinkels kann die Bedeutungen komplett auf den Kopf stellen.

Aber die Frage bleibt: Warum schweigt die Welt jetzt über Gaza? Auch wenn Iran die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht, so geht der Krieg in Gaza doch trotzdem weiter, und täglich gibt es zahlreiche Opfer. Allein gestern haben uns zehn Menschen verlassen, alles junge Leute, deren Blut noch nicht getrocknet ist, sondern noch immer wie ein Wasserfall durch die Gassen und Straßen flutet.

Während der Arbeit an diesem Text wurde ein zweiwöchiger Waffenstillstand zwischen Iran und Amerika bekannt gegeben. Daraufhin wurde wieder ansatzweise über Gaza und die Entwaffnung der Hamas gesprochen, was die Organisation jedoch ablehnte. Es scheint immer ein externes Ereignis vonnöten, damit Gaza wieder in den Fokus gerückt wird. Gaza selbst scheint keine Aufmerksamkeit zu verdienen, sondern nur, wenn es irgendwann irgendeiner Agenda dient. Das ist Gazas bitteres Schicksal: dass es ein Spielball in den Händen anderer ist und keine unabhängige humanitäre Sache, für die um ihrer selbst willen gekämpft wird.

Während ich dies schreibe, frage ich mich, wie viele Menschen auf dieser weiten Welt jetzt auf einem warmen Sofa sitzen und in aller Ruhe ihr Abendessen zu sich nehmen, auf ihren Mobiltelefonen von einer Nachricht zur nächsten springen, das Telefon dann beiseitelegen und sich in Frieden schlafen legen. Ich bin nicht neidisch auf sie, ich wünsche mir nur, dass auch wir so ein Glück hätten. Ich wünsche mir, dass die größte Sorge, die unseren Kindern den Schlaf raubt, der Prüfungstermin oder das Ergebnis eines Fußballspiels wäre, nicht das Geräusch des mitten in der Nacht über das Zelt hinwegdonnernden Flugzeugs, das alle stockenden Herzens aus dem Schlaf aufschrecken lässt.

Wir haben uns diese Realität weder ausgesucht noch sie gewählt, noch haben wir auf einem Papier unterschrieben, dass wir dieses Leben akzeptieren. Es ist uns genauso aufgezwungen worden wie das Schicksal. Der Unterschied ist nur, dass dieses Schicksal von Menschen höchstpersönlich durch ihre Entscheidungen und Interessen geschaffen wurde. Und was Menschen geschaffen haben, können Menschen ändern – wenn sie nur wollen.

Manchmal sitze ich bei meinen Nachbarn im Zelt, und wir plaudern über einfache Dinge: über den Geschmack des Kaffees, den wir vergessen haben; über den Geruch des Meeres, das weit entfernt zu sein scheint, obwohl es immer noch ganz nah ist; über Straßen, durch die wir einst abends ohne Angst liefen. Mitunter lachen wir, sehr gedämpft, es ist kaum zu glauben, dass dieses Lachen zu jener Zeit und an jenem Ort aufsteigt. Aber dieses Lachen ist das Letzte, was uns von einem normalen Leben geblieben ist. Wir umhegen es wie die letzte Glut in einer kalten Nacht. Solange diese Glut nicht erloschen ist, sind wir noch hier, leisten wir noch Widerstand, sind wir noch Menschen.

Ich frage mich manchmal, ob die Welt weiß, dass die Menschen in Gaza trotz allem nicht aufgehört haben zu träumen. Ja, wir träumen noch! Wir träumen vom Geräusch prasselnden Regens auf das Dach eines richtigen Hauses, statt auf die Zeltbahn, durch die Wasser und Kälte eindringen. Wir träumen davon, dass unsere Kinder zur Schule gehen und mit Heften voller Hausaufgaben heimkehren, nicht leer und verängstigt. Wir träumen von einer warmen Mahlzeit am Tisch mit der ganzen Familie, von der niemand fehlt. Sehr banale Träume, aber in Gaza scheint ihre Verwirklichung unmöglich. Und trotzdem hören wir nicht auf, davon zu träumen, denn am Tag, an dem der Mensch zu träumen aufhört, stirbt er, noch bevor sein Geist aufgibt.

Gaza ist schlussendlich nicht nur eine Nachricht, die mit jeder neuen Krise die Bildschirme füllt und dann wieder verschwindet. Gaza sind Menschen, Gaza sind Kinder, die von echten Häusern statt Zelten träumen, von Schulen statt Trümmern, von einem Morgen, von dem es sich zu träumen lohnt. Gaza sind Mütter, die jede Nacht die Stirn ihrer Kinder küssen und nicht wissen, ob sie von ihren Stimmen wach werden oder dem Wehklagen um einen Vermissten. Gaza sind Väter, die jeden Tag losziehen, nicht auf der Suche nach Erfolg oder Reichtum, sondern nach einem Fladen Brot, einer Flasche Wasser, Medizin.

Die Welt, die sich entsprechend ihren Interessen bewegt und ihren Kompass auf die aufregendsten Krisen ausrichtet, muss wissen, dass das Schweigen über Gaza nicht Neutralität bedeutet, sondern als solches eine Haltung ist. Jeder Tag des Schweigens ist ein zusätzlicher Tag des Hungers, der Kälte, des Bluts. Jedes Meeting, das abgehalten und ergebnislos beendet wird, ist eine neue Kugel, die von Weitem auf das Herz dieser standhaften Stadt abgefeuert wird.

Wir in Gaza bitten nicht um Mitleid, sondern um Gerechtigkeit. Wir wollen keine Tränen, sondern Taten. Wir fordern, dass die Welt sich nicht nur an uns erinnert, wenn es ihre Agenden erfordern, sondern weil wir Menschen sind und das Recht haben zu leben, das Recht auf Würde, das Recht, auf diesem Boden eine Zukunft aufzubauen, auf diesem Boden, von dem wir nichts anderes wollen, als dass er uns eine Heimat bleibt.


Ali Abu Yassin, Theaterdirektor und Schauspiellehrer, lebt im Strand-Flüchtlingslager (al-Shati) in Gaza-Stadt, einem der größten Flüchtlingslager im Gazastreifen.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

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