Das Töten nach dem Tod. Das Öffnen der Gräber soll jede Erinnerung auslöschen. Von Ali Abu Yassin

 

Ali Abu Yassin, Theaterdirektor und Schauspiellehrer, lebt im Strand-Flüchtlingslager (al-Shati) in Gaza-Stadt, einem der größten Flüchtlingslager im Gazastreifen.


Seit Beginn des Gaza-Krieges habe ich viele Artikel über unterschiedliche Aspekte dieses Krieges verfasst: Ich habe über die Hungersnot geschrieben, über Flucht und Tod, über das Bringen von Opfern, über Ausbeutung und Besatzung, über Frauen, Kinder, Jugendliche und Männer, über Träume und Hoffnungen. Manchmal habe ich einen Artikel zu schreiben begonnen und ihn zwei oder mehr Tage liegengelassen, damit die Idee reifen kann. Doch seit zwei Wochen wälze ich mich auf der Glut der Wörter dieses neuen Artikels und weiß nicht, wo anfangen. Ich kann ihn aber auch nicht liegenlassen, insbesondere weil der Stoff seit Jahrtausenden in unterschiedlicher künstlerischer und literarischer Gestalt immer wieder aufgeworfen und diskutiert wurde. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an das Theaterstück Antigone von Sophokles, etwa 441 v.Chr. Oder an die bekannte moderne Version des Franzosen Jean Anouilh aus dem Jahr 1944. In diesem Stück wird das Thema des tyrannischen Herrschers durch Antigones Kampf gegen König Kreons Beschluss, ihren Bruder nicht zu beerdigen, dargestellt. Der Bruder habe es, nach Meinung des Königs, nämlich nicht verdient, mit Würde behandelt und als Mensch begraben zu werden.

Das Gleiche wiederholt sich jetzt in Gaza. Während der Suche der israelischen Besatzungsmacht nach dem Leichnam von Ran Gvili (letzter gefangener Soldat in Gaza) auf dem Friedhof von Shuja’iyya wurden fast sechshundert Leichen ausgegraben. Das Öffnen der Gräber wurde darüber hinaus von Angriffen und Bombardierungen begleitet, bei denen mehr als sechzehn Menschen getötet oder verletzt wurden. Dieser Vorfall gab mir sehr zu denken, weil weder in den palästinensischen noch den arabischen oder den internationalen Medien angemessen darüber berichtet wurde. Es scheint, als wäre nicht mehr nur allein unser Leben billig, sondern auch unser Tod. Als würde ein Tod nicht ausreichen, und nicht eine Trauer, sondern als verlangte man von uns, mehrmals zu sterben, tausende Male zu trauern und den ununterbrochenen Verlust fortdauernd zu leben. Als hätte man uns auferlegt, gegen unseren Willen das Bitterste überhaupt zu kosten, schweigend und widerspruchslos.

Schweigend, ja, genau so ist es geschehen. Ich habe dieses Schweigen gespürt, als würde die israelische Besatzungsmacht den Palästinensern im Ganzen einen Zustand der Absurdität, des Irrsinns und des Hasses aufzwingen. Aber nicht nur uns allein, sondern der ganzen Welt.

Unser Tod und die Zerstörung von ganz Gaza hat ihren Hass nicht befriedigt und all das Blut ihren Rachedurst nicht gestillt. Ich hatte das Gefühl, das Echo von Antigones Schrei in König Kreons Gesicht vor mehr als zwei Jahrtausenden hallt bis heute nach, als ob Sophokles vorausgesehen hätte, was in Gaza passieren würde, oder als ob die Geschichte sich noch bitterer und leidvollerer wiederholen würde.

Als sechshundert Leichen aus ihren Gräbern geholt wurden, schien es mir, als würde sich der Konflikt von einem Kampf der Lebenden in eine Auseinandersetzung verwandeln, die nun auch die Leichen der Verstorbenen in ihrem „anderen Leben“ umfasst. Ist dieser verrückte Konflikt zwischen uns und den Israelis zu einem Schicksal geworden, das nun auch die Toten verfolgt? Ist der Leichnam von Ran Gvili so viel wert wie alle Leichen des Shuja’iyya-Friedhofs zusammen, vielleicht sogar so viel wie alle Toten und Lebenden des palästinensischen Volkes zusammen?

In der Welt des Verborgenen und der Hellseher glaubt man an die Anrufung der Seelen der Verstorbenen. Wie sehr habe ich mir gewünscht, jetzt Sophokles anrufen zu können, damit er mir beim Schreiben eines neuen Textes hilft, der diesem grenzenlosen Wahnsinn angemessen ist, dieser Grausamkeit der Menschen gegen ihre Brüder, dem Zusammenbruch der Werte, der Bräuche, der Gesetze, der Prinzipien und aller menschlichen Moralvorstellungen. Ich kann mir keinen Soldaten vorstellen, der ein Grab aufgräbt, in dem ein kleines Kind liegt, das vielleicht einen Arm oder einen Fuß durch die israelische Bombardierung seines Hauses verloren hat. Vielleicht war dieses Grab die letzte Zufluchtsstätte seiner Mutter, die sich zu ihm flüchtete, um den Geist ihres Sohnes an diesem Ort zu spüren, und die mit ihm spricht, um ihre Trauer zu lindern, und sei es auch nur ein ganz klein wenig. Vielleicht war er ihr einziger Sohn, der einmal getötet wurde und dann ein zweites Mal.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass den Müttern, die ihre einzigen Söhne verloren, die Trauer aus der Brust springen möchte, nachdem sie vor lauter Schmerz und Leid erstickt ist. Hätte die Trauer eine Zunge, würde sie mit lautester Stimme schreien: „Ich kann all diese Qual nicht mehr ertragen!“

In allen Offenbarungsreligionen heißt es: „Dem Toten sei Ehrerbietung durch seine Bestattung erwiesen.“ Wie können wir, die wir doch an den einen Gott glauben, uns ihm widersetzen und die Toten erniedrigen, indem wir sie auf diese Weise ein zweites Mal töten?

Aber damit nicht genug, ich bin selbst davon betroffen. Als ich nach unserer letzten Flucht aus dem Süden zurückkehrte, machte ich mich gleich am nächsten Tag zum Scheich-Radwan-Friedhof in unserer Nähe auf, wo Mitglieder meiner Familie begraben liegen. Im nordöstlichen Teil des Friedhofs angekommen, wo sich die Gräber meiner Mutter und meines Bruders befinden, konnte ich diese jedoch nicht finden, denn der Friedhof hatte sich in großem Umkreis in eine Fläche von Sandhügeln und Trümmern verwandelt. Die komplette Nordmauer war zerstört und ein großer Teil des Friedhofs umgewälzt worden, genau wie die ganze Umgebung.

 

„Über den ganzen Friedhof verteilt gab es große Krater, die von den Raketen der Besatzungsmacht verursacht worden waren, und darin lagen Leichen. Die Palästinenser werden offenbar nicht nur auf der Erde verfolgt, sondern auch unter ihr.“ Überlebende besuchen die Gräber ihrer Angehörigen auf dem Sheikh-Radwan-Friedhof in Gaza-Stadt, am 30. März 2025, Foto: picture alliance / SIPA | Omar Ashtawy apaimages

Über den ganzen Friedhof verteilt gab es große Krater, die von den Raketen der Besatzungsmacht verursacht worden waren, und darin lagen Leichen. Die Palästinenser werden offenbar nicht nur auf der Erde verfolgt, sondern auch unter ihr. Als ich zum vermeintlichen Grab meiner Mutter und meines Bruders kam, war ich zutiefst schockiert und lief auf der Suche nach ihnen wie ein aufgebrachter Löwe umher. Es gab nur ein paar Überreste von Gräbern, und ich sagte halb im Scherz zu mir: „Vielleicht hier, oder auch hier?“, obwohl ich doch wusste, dass ihre Gräber nicht dort lagen, mir selbst aber ein bisschen Hoffnung machen wollte.

Ich ging zur Umfassungsmauer, berechnete die Entfernung, kehrte zurück und schaute zum Ende des Friedhofs. Ja, das Grab meiner Mutter und meines Bruders müssten dort liegen, aber da war nur ein Sandberg, von dem ich nicht wusste, wie er plötzlich hier emporgewachsen war und welche satanischen Hände ihn gepflanzt hatten. Soviel ich weiß, entstehen Berge infolge geografischer Veränderungen über einen langen Zeitraum hinweg, aber dass ein Berg über Nacht wächst, das ist weder eine geografische noch eine historische Entwicklung, sondern das Ergebnis von Raketen.

Mein lieber Freund Sophokles, warum schweigst du? Ist die Tinte deines Stiftes getrocknet, von dir, der du doch so zungenfertig und wortgewandt bist? Ja, es ist der Mensch. Wäre König Kreon aus seinem Grab auferstanden, wäre er angesichts der Hässlichkeit dessen, was uns angetan wurde, vor Scham errötet. 

Ich schlage vor, dass du deinen Freund Jean Anouilh anrufst, der die Antigone neu verfasst und sich unsere Sorgen aufgebürdet hat, damit wir gemeinsam einen neuen Text in moderner Sprache verfassen. In der Sprache dieser Zeit, die den prächtigsten Schmuck anlegte, um die Ermordung des Opfers wieder und wieder zu wiederholen.

Ich suche euren Beistand, damit ihr Wörter und Begriffe für mich findet, die das Ausmaß unseres Leids beschreiben können, das sich seit Jahrzehnten hinzieht.

Nachdem ich die Hoffnung aufgegeben hatte, die beiden Gräber zu finden, und mir sicher war, dass sie für immer verloren sind, ging ich zu Fuß durch den von den Raketen der Besatzungsmacht zerstörten Friedhof zurück, der nur noch aus Löchern und kaputten Grabsteinen bestand und dessen Umfassungsmauer nahezu von allen Seiten eingestürzt war. Die Zerstörung des Friedhofs war nicht das Ergebnis eines Zufalls, sondern der Versuch, jegliche Spuren unserer Existenz auszulöschen, inklusive der Leichen unserer Verstorbenen. Die Idee von der Vertreibung der Bevölkerung von Gaza beschränkt sich nicht auf die Lebenden, sondern schließt auch die Toten mit ein. Die Graböffnung wird hier nicht als materielle Handlung verstanden, die sich auf die Erde und den Körper bezieht, sondern sie ist die komplette symbolische Auslöschung. Gewalt wird von der Bühne des Tötens zur Bühne der Bedeutung verlagert. Wenn ein Grab aufgemacht wird, wird nicht eine Leere in der Erde geöffnet, sondern die Akte der Erinnerungen, die vorsätzlich missbraucht wird. Das Grab ist der letzte Nachweis des Unterworfenen, mit dem er seine Existenz beweisen kann; beweisen, dass sein Tod nicht namenlos war. Das Schänden des Grabes jedoch kommt dem Zerreißen dieses Nachweises gleich. 

Das Aufwühlen von Gräbern ist eine verzögerte Verleugnung des Lebens selbst, denn wem nicht erlaubt wird, in Freiheit zu leben, dem wird auch verweigert, in Würde zu sterben. Hier verwandelt sich der Leichnam in ein politisches Ziel und die sterblichen Überreste in eine Verhandlungsmasse und eine Frage der Überlegenheit. Der Tod bedeutet nicht mehr das Ende, sondern ist zu einem Stadium des menschlichen Lebens geworden, das verändert, annulliert und im Machtdiskurs neu genutzt werden kann.

Im Öffnen von Gräbern wird die Vorstellung von der Zeit annulliert. Die Vergangenheit ist nicht mehr vergangen, die Toten befinden sich nicht mehr außerhalb des Konflikts, und alles, was zur Demütigung taugt, wird gewaltsam in die Gegenwart übertragen. Das Grab, das eine Trennung zwischen dem Ende und dem Bleibenden darstellt, wird geöffnet, um zu sagen: Es gibt keine Grenze, keine Erlösung, keine sichere Zone… sogar nicht für das Nichts.

Das Aufwühlen von Gräbern bedeutet gleichfalls die Auslöschung des kollektiven Gedächtnisses, denn Friedhöfe sind nicht nur eine Ansammlung von Leichen, sondern sie sind ungeschriebene Landkarten der Verwandtschaft, der Geschichte und der Kontinuität. Lässt man sie verschwinden, wird der Ort neu erschaffen, als hätte er keine Namen und keine Geschichten gehabt und keinen Verlust erlitten. Die Leere wird zu einem Instrument des alternativen Narrativs, das da heißt: „Hier war niemand.“

In diesem Sinne ist das Öffnen der Gräber nicht nur ein Verbrechen gegen die Toten, sondern gegen die Sprache, die Erzählung und die Fähigkeit zu sagen: „Wir waren hier.“ Es ist eine offene Verkündigung, dass die Existenz der Palästinenser nicht anerkannt wird – sogar nicht nach ihrem Tod – und dass ihnen nicht erlaubt wird, Spuren zu hinterlassen. Ein Grab ohne Namen, ohne Grabstein, ohne Steine, ohne eingraviertes Datum ist nur eine Grube, die rasch wieder zugeschüttet wird, als wäre sie nie geöffnet worden; als hätte derjenige, der dort hineingelegt worden war, niemals existiert. Ein solches Grab gibt keinen Hinweis auf einen bestimmten Menschen, sondern auf eine Idee, die für nichtig erklärt wurde: dass der Mensch eine letzte Spur hinterlässt. Das Beseitigen des Namens ist der wirkliche Sinn des Graböffnens, denn eine Leiche ohne Namen ist nicht tot, sondern vertrieben.

In einem solchen Grab ist das ganze Unglück zusammengefasst. Wir wissen nicht, wer dort liegt, ist es ein Kind oder eine Mutter, ein Mann oder ein Jugendlicher? Aber wir wissen mit Bestimmtheit, dass hier jemand war und ausgelöscht wurde. Ein unbekanntes Grab ist nicht das Ergebnis von Chaos, sondern einer Absicht. Der Absicht, dass der Tod zur Leere wird, und die Leere zu einem offiziellen Narrativ. Wenn der Name verschwindet, verschwindet die Geschichte, und wenn die Geschichte verschwindet, ist das Leugnen des Verbrechens ein Leichtes. Ein Grab ohne Namen ist ein „sauberes Töten“ in den Akten, vollkommen in der Realität und für immer schweigend.

Am Ende bleibt von dieser ganzen Szene nur eine einzige nackte Wahrheit übrig: dass das, was geschieht, nicht nur ein Krieg gegen die Lebenden ist, sondern ein komplettes System zur Auslöschung der Existenz. Es beginnt bei dem Menschen, endet aber nicht mit seinem Tod. Wenn Gräber geschändet werden, wird nicht nur der Körper entweiht, sondern auch mit der Vorstellung, auf der die Bedeutung des Menschseins basiert, gebrochen: dass er eine Spur hinterlässt, dass er einen Namen hat und ihm ein beschütztes Ende zusteht. Ein Grab ist nicht nur eine Grube, sondern die letzte Anerkennung, dass dieses Wesen hier war und dass sein Leben es verdient hat, erinnert zu werden, wie auch immer es vernichtet wurde.

Was geschehen ist und noch geschieht, bestätigt, dass das Ziel über das Töten hinausgeht und schlimmer ist als Rache. Es ist die systematische Auslöschung all dessen, was von unserer Anwesenheit hier zeugen kann: Häuser, Straßen, Bäume und schließlich die Gräber. Sogar der Tod bietet keinen Zufluchtsort mehr, und die Erde kann diejenigen nicht mehr schützen, die zum Lebensende bei ihr Schutz gesucht haben. Wenn die Toten aus ihren Gräbern gezogen werden, werden mit ihnen auch die Grenzen verwischt zwischen dem Verbrechen und dem Nichts, zwischen dem Krieg und der Barbarei und zwischen der Macht und dem Verfall des Sinns.

Das ist nicht der Wahnsinn eines Augenblicks und kein kurzfristiger Kontrollverlust, sondern eine komplette Logik, die den Menschen als Überschuss betrachtet, den man verschwinden lassen kann, lebend oder tot, ohne einen moralischen Preis dafür zu zahlen. Wenn der Verstorbene zum zweiten Mal getötet wird, wird der Lebende auf immer bedroht, denn die Botschaft lautet: Niemand genießt Immunität und die Menschenrechtsverletzungen werden nicht enden.

Hier werden die Werte entblößt, die die Welt stets zu schützen vorgegeben hat. Am Rand des offenen Grabes fallen alle Gesetze in sich zusammen, und die Reden verlieren angesichts eines Verstorbenen, der keinen Platz hat, ihre Bedeutung. Was geblieben ist, ist einzig und allein diese schwerwiegende Schande, die Schande, dass der Mensch zweimal getötet wird und dass beim zweiten Mal von ihm verlangt wird zu schweigen. Dies ist kein Unglück, für das man Mitgefühl aufbringen müsste, sondern es ist ein Verbrechen, das benannt werden muss. Es heißt ganz einfach: „Das Töten nach dem Tod“.
 

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

 

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